Große Abschiedszeremonie / Aleksandar Lukić

Vater und Sohn, Sommer 2007a. Michael und Alexander Lukic auf Mišljenovcu, dem Geburtsort des Schriftstellers

Vater und Sohn, Sommer 2007a. Michael und Alexander Lukic auf Mišljenovcu, dem Geburtsort des Schriftstellers

Dieses lebendige, literarische Denkmal, das die tüchtigen Kenner Roman oder Poeme nennen könnten, wird für alle Zeiten als ein unvergängliches Mahnmal und Andenken an alle gescheiterte Schriftsteller des Balkans errichtet, angefangen von denen, deren Werke in Koine-Sprache in der Epoche Alexanders des Großen geschrieben und zusammen mit der berühmten Alexandrinischen Bibliothek verloren gegangen sind, bis zu den ewigen Prätendenten am Ende des zweiten Millenniums, besonders der letzten hundertfünfzig Jahre und noch mehr, vom Tod des Apostels Gogol bis zuSchöpfern des Absurden Theaters, glatzköpfigen Sängerinnen, ewigen Zögernden und eitlen Selbsternannten: bis zu den interessanten, mit schwarzem Humor erfüllten Tiefen; es wird also dem Höchsten und dem Idealstengewidmet – den hohen Stufen in grenzenloser Kunst des Erzählens, den Ehrwürdigen und den Verfallenen, der Gerechtigkeit und der Ungerechtigkeit, oder wie Salieri durch den VermittlerPuschkin zu Mozart sagte:

Es heißt, Gerechtigkeit gäb’s nicht auf Erden.
Sie findet sich desgleichen höher nicht.
Für mich ist das so klar wie Durtonleitern.
Der Kunst galt meine Liebe von Geburt;
Ich war ein Kind noch, als in unsrer Kirche
Die alte Orgel von ganz oben dröhnte,
Ich hörte es und lieh ihr ganz mein Ohr –
Bis unwillkürlich süße Tränen rannen.
Früh legte ich die eitlen Freuden ab;
Was fremd war der Musik an Wissenschaften,
Erschien mir nutzlos, aufrecht und entschlossen
Wies ich es ab und gab mich einzig hin
Nur der Musik. Schwer fällt der erste Schritt,
Der erste Pfad wirkt trostlos. Ich bezwang
Die frühe Mühsal bald. Das Handwerk machte
Ich dann zum festen Grundstein meiner Kunst.
Ich meisterte das Handwerk: meinen Fingern
Verlieh ich nüchtern flinke Fertigkeiten,
Genauigkeit dem Ohr. Die Klänge tötend
Zerlegt’ ich die Musik wie eine Leiche,
Durch Algebra begriff ich die Harmonik.
Schon damals wagt ich’s, wissenschaftserfahren,
Mich schöpferischen Träumen hinzugeben,
Begann mit meinem Schaffen still und heimlich
Und wagte doch noch kaum an Ruhm zu denken.*

Ich träumte von Gerechtigkeit und Uneigennützigkeit. Davon, dass meine Genossen im wunderschönen Schaffen ihre Ohren mit wundertätigem Lachen, wenn sie keine Zahnstocher oder Streichhölzer haben, stochern, aber sie sind wie eine zertretene, noch zappelnde Schlange, die Pulver und Sand in ihrer Kraftlosigkeit beißt,tauber als Beethoven;sie haben vergessen (falls sie es je gewußt haben?), dass die heilige Gabe (wenn eine ewige Genialität nicht gegeben ist/als Preis für brennende Liebe/für Selbstverleugnung, Fleiß und Glaube/sondern den Kopf eines Unsinnigen beleuchtet…) etwas mehr als billiger Wein, den man in einer gelegentlichen Kneipe probieren kann, ist. Und als ich aufwachte, bemerkte ich, dass meine Brüder und die, die das nicht sind, Lebendige und Tote, sich einen bösen Scherz auf meine Kosten erlaubten. Die Alten haben Arien aus „Don Juan“ vorgespielt und wie der frivole Mozartgekichert; die Jungen habenetwasAnderes vorgespielt undgelebt: Requiems; alle anderen haben je ein paradiesiches Gedicht hinter sich gezogen; während Leben und Tod und Schicksal feindlich sorglos ihre ungeahnten Geschenke vorbereiteten: die Nacht des Schaffens, die Anregung, denvom kohlrabenschwarzen Ruß schwarzeren Humor. Wenn Sie es nicht glauben, kommen Sie näher und sehen Sie das, was unter diesem lebendigen Denkmal liegt, wie Salieri und Mozart den schwarzen Mann, den Schatten, der keine Ruhe lässt, angesehen haben…

In langen Nächten, während er Das Buch der Zukunft schreibt, wacht er aus Alpträumen auf, in denen Monster die Halbinsel rillen und aufackern, Vogelleichen aus Erde und Gräbernherausholenund sie wie bei einem Fest essen. Er hört schreiende Stimmen, die anmahnen, dass er sich vor den Völkern hütet, die die Nachricht über die Tyrannei unterstützen und verbreiten. Er hat Halluzinationen von Friedhöfen ohne Mahnmäler und Kampfplätzen ohne Geschichte, wo das Blut die Wahrheit versiegelt hat. Dazwischen sind Gespenster, Spukgestalten, viele Kadaver- und unruhige Seelen mit geschärften Äxten und Messern. Jede träumt gespannt davon,ein Henker zu werden. Wie kann man sie erkennen, wenn es die zuviel, wie Sand am Meer,gibt? Sie haben im asiatischen Meer und im europäischen Meer gebadet, sie wimmeln im Dunkel der erschütternden Zeit, sinken in die Tiefe, unter bekannte und unbekannte Gräber der Halbinsel. Wer von ihnen ist unser Bruder, unser Vater? Beladen mit Beutebeuteln, gestohlenen Säcken und Sand, faulen Blättern und schlechtem Wetter, ist er ewiger Diener des eigenen Verlusts. Um sich gegen die grausigen Bilder zu wehren, schreit Maestro rätselhafte Formeln, wie eine balkanische Wahrsagerin die Zaubersprüche den Kranken schreit:
– Bewundern Sie, berücksichtigen Sie Blut und Plünderung nicht, Sie, ewige Kämpfer und Plünderer. Fangen Sie Fische in der Furt und in den Tiefen des Meeres, in den Tiefen der Zeit. Wandern Sie von einem zum anderen Ende des Landes, von einem zum anderen Ende der Stadt, mit einem Taxi,einer Straßenbahn oder einem Wagen mit Planengestell wie wandernde Zigeuner. Die Wahrheit wird allein zum Vorschein kommen.
Der Autor Des Buches ohne Zukunftträumte von einem Heiligen oder einem Engel mit der Laterne in der Hand und mit Augen voller Tränen. Er, mit seinem federleichten Körper,sagte ihm im Traum:Merke dir, was du sehen wirst! Für das Drama, in dem du lebst, können Wörter und Bilder Evangelien sein! Sobald du aufwachst, schreib sie auf!
Maestro schreibt Das Buch ohne Zukunft, während er von einer alles umfassenden Chronik träumt, von der nämlich auch Berufenerenochvor seiner Geburt träumten, zum Beispiel Vater und Tochter, von denen nur Schatten geblieben sind. Diese Ex-Schatten haben die Jahrbücher ähnlicher Städte, Dörfer und Friedhöfe wahrgenommen. Sie ahnten, dass sie in der dritten Generation der zivilisierten Familie, und in der zweiten Generation der gebildeten Leuteausgerottet werden.
Wer nicht daran glaubt, soll die Widmung des Buches„Die Chronik des Kleinstadtfriedhofs“, dessen erste Ausgabe der Maestro in der großen Familienbibliothek besitzt, durchblättern:
„Warum sind Gräber keine stolzen Symbole? Warum geht unsere Welt so schnell zugrunde und rottet sich selbst aus? Warum degenerieren und sterben die Gebildeten und Talentierten in der zweiten oder dritten Generation? Warum wird vom Familienbesitz mindestens ein adäquater Überrest nicht erhalten – um des Namens und der Ehre willen? Warum wird die Gesundheitso schnell untergraben? Warum opfern die Eltern ihre Leidenschaften, Eitelkeiten und Eigennutz nicht, statt ihre Kinder zu ofpern? Warum bemerken die Lehrer im Elternhaus die unauffälligen, begabten Kinder nicht? Warum unterscheiden die Schulen im Kind den Talent aus intelektuellen von dem aus moralischen Quellen nicht? Warum akzeptieren die Mitbürger die armen, begabten Kinder oder die Waisen ohne Mutter nicht… Warum ist all das nackte Wahrheit und kein blauer Dunst?

Die Verwaltung des Friedhofes des Dramas hat einen unprinzlichen, kynischen, doppelt gebrannten, kaltgestellten Blick auf Gräber, die (troztallerMängel) von dies und das zeugen können. Der Verwalter des Friedhofes ist vom Arbeitsplatz abwesend, wodurch er die Verantwortung der von ihm ausgeübten Funktion verletzt. Sieben Tage kann niemand herausfinden, wohin er verschwunden ist. Die Kanzlei der toten Siedlung ist verschlossen, niemand wagt sich hineinzutreten. Aber,keine Sorge, Diskobolos der Unbesiegbare wird schon erscheinen. Auch wenn niemand sicher ist,sind es die toten Seelen, und alles wird wieder nach altem Brauch in früherer Macht und Ruhmsein.
Die Klavierlehrer sind schichtige Seelen. Vor den großen Studentenaufruhren in Europa Ende der sechzigenJahre ging dem Unbesiegbaren alles leicht von der Hand – oder wie das Volk spricht – alles lief wie geschmiert. Nach den Unterrichtsstunden, nachts, sobald die Arbeiter das Gebäude der Kunstschule, das im ungünstigen Augenblick, d. h. Mitte des Jahrhunderts, konfisziert wurde,verlassen, spieltder damalige Angestellte – der Direktor der Musikschule „Strawinski“ – Diskobolos der Unbesiegbare, in Beethoven verliebt, bis zum Tagesanbruch auf Klaviertasten. Er komponiert Sonaten im Gebäude mit dicken Wänden, und in den Pausen passiert es, dass er die Geister der Ex-Besitzer hört. Dass er keine Angst hat, ist klar, da er genießt, den Geistern der Bewohner, die keine Ruhe gefunden haben, zuzuhören, indem er ihr erschütterndes Schicksalmit Beethovens Ahnungen zu verknüpfen versucht. Wenn der Wahnsinn in seiner Seele nicht wie der Saft in Orangenquellenwürde, wäre er wahrscheinlich auch heute Direktor der Musikschule „Strawinski“! Mit gewisser beethovenischer musischer Exaltation und unausgeschlafen ist er an den langhaarigen Studenten, den Blumenkindern herangetreten und hat ein Kreuz auf die Stirn gemalt. Die Partei der Pythons – sie wurde während der Studentendemonstrationen mit diesem volkstümlichen Kosenamen getauft – sprach ihm eine Rüge aus und versetzte ihn, den Wahnsinnigen, um der Form zu genügen, zum Direktor der toten Siedlung. So wurde er, also, ein kaltgestellter Typ, ein Mann, der zur Marginalie verkommen ist. Er war gezwungen zu lernen, dass es über jemanden einen höheren Ranges gibt.
Von den wachen Augen des Dramasweit weg und dem inneren Gefühl sich selbst näher, übertrug und belebteder Wahnsinnigein der Verwaltung des Friedhofes die Kunstidylle der Musikschule „Strawinski“, die ansteckender als Mandelentzündung im geschwollenen Hals ist. Es musste einfach so sein. Die Gabe des Schicksals führt den Menschen an der Nase herum, sie bietet keine Illusion der Pracht der Marktplätze, damit er wählen kann. Er duldet, er hat sich nur auf sich und seine eigene Kraft verlassen. Ungewohnt an Verlust bemüht er sich der Ewigkeit und Beethovenmitten im Friedhof nah zu sein. Hier hat er wenigstens Freiheit, er muss niemandem Rechenschaft ablegen. Sobald es dunkel über Bäume und Gräber wird, fängt ein lebendiges Musizieren an. Die zufälligen Passanten genießen die Improvisationen, weil sie den Ohren wohltun, und die unmusikalischen Menschen gehen wie üblich Hals über Kopf weiter, als ob sie sich an leuchtende Laternen verbrannt hätten. Wenn das Musizieren wegbleibt, gehen die Passanten, als ob sie ein Schweineherd treiben würden, ihren Weg weiter – morgen werden sie bestimmt mehr Glück haben. Sie ahnen nicht, dass der Lehrer während der Pause Bücher und Feuilletons über Unbekannte Fliegende Objekte und Wunder des Weltalls liest, oder dass er auf die Nachtwartet, um aus der Verwaltung der toten Siedlung,keine Rücksicht auf die Gräber, zwischen denen er schreitet, nehmend,hinauszugehen und bis Morgendämmerung den Himmel zu beobachten. Den Kopf in den Nacken geworfen schärft er im Dunkel seine Sinne. Er lauscht gelassen die Stimmen, unsicher ob die aus Gräbern kommen oder mit dem Staub von oben, aus der Vulve des Weltalls selbst, wo die Sterne flimmern, herunterfallen. So einsam wie er war, konnte er als gelobter und geehrter Direktor der Musikschule „Strawinski“glücklichheiraten, aber er tat es nicht! Mit dem Umzug auf Dramas Friedhof, wo weder warm noch kalt ist, heiratete er mit der Ewigkeit selbst.
„Ein Unglück reicht. Es ist mehr wert als Frau und Geisel des Schicksals.“ Wer weiß, der weiß!
Die Stelle des Direktors der toten Siedlung bietet eine ideale Gelegenheit für Ergänzung der Kunst. Vom Beobachten der Fliegenden Objekte und des Abgrunds des Weltalls müde,deutet erseine eigene Träume,um das Nichtstun zu kürzen. Die Deutungen laufen wie das Wasser durch den Trichter. Alte Familienzeichen, von Generation zu Generation übertragen,lassen nicht nach. Die Lösung keimt in der Überzeugung, dass ihm die Ehre zusteht, im Stamm der Träumern den begrabenen Schatz zu finden. Dank Privileg muss er keine Rechenschaft ablegen. Wo und wann? Er zieht durch Landschaften und Bergeneinschnitte, durch Wahrzeichen und Gemarken herum, wo die Legenden der Träume gescheitert sind. Er schaufelt die Erde – umsonst.
In Träumen und Deutungen ragtdie Gestalt des zukünftigen Friedhofwächters oft hervor und springt voran. Ab und zu erscheint sie als Klotzmitten im Strudel im trüben Wasser– der Arbeitsplatz ist frei und älter als die Rüge der Partei der Phytons, die den Direktor traf. Die wird bestimmt erscheinen, den alles wovon der Mensch träumt,geht meistens in Erfüllung.
Zurzeit stand ihm vom Personal des Friedhofes nur Eros´ Olympia, die Biologielehrerin, eine gewissenhafte Kerzenverkäuferin und Gärtnerin der Friedhofsbeetenzur Verfügung. Ihr kochtedas Blut in den Adern heftiger als der Dampf im Topf. Sie wartete, wie es im Drama üblich war, jahrelang auf einen Arbeitsplatz und versuchte in den Westen zu fahren, aber ohne Erfolg. Nicht wegen Darwin, natürlich: sie trauteihrem eigenen Hinternnicht und kümmerte sich um seine Theorie über die Entstehung und Evolution der Arten nicht,und um die biblische noch weniger. Sie ist einfach, falls das überhaupt eine Rolle spielte, als jemandgeboren, der mit beiden Händen gleich geschickt war, sie konnte ihre Gedanken nicht zügeln und ahnte nicht, dass die Gedanken der härteste Feind sind, wenn sie in der Öffentlichkeit mitgeteilt werden. Die Kleinbürger, eine fantasievolle Welt, verschönern die Gedanken von anderen mit eigener Ellemessend, aus Funkel machen sie ein Feuer, aus Anegdote eine Legende. In derWelt, in der die Hauptrollen den Kleinbürgern zugeteilt sind, sind für die freidenkerische Geister die kleinsten und die Nebenrollen reserviert. Oh, ein ungezügelter Geist steckt in ihr, sie sucht den Grundfür jede Sache und forscht nach Antworten in einer Fülle der Erscheinungen.Die natürliche Organisation der Welt kennt sie dank ihrer Erziehung und die Organisation der gesellschaflichen Umstände fühlt sie erprobter als ein Akademiker; sie war – um die spöttische journalistische Argo zu benutzen – Expertin, Fachfrau im Kennen des Staatsbauchs, der Heimaterbe, des Dramas. Sie ist fähig, den unwichtigen Kleinigkeiten ein Nachteil zu finden. Das Sein Gottes macht sie nach ihrem Gewissen mit Argumenten, die niemandem im Drama bekannt sind,streitig. Sie hat Kenntnisse, die siedurch Erfahrung und Studium erworben hat, und Fähigkeiten der weißen Magie, die sie von Ahnen geerbt hat und mit denen sie erfolgreich Yamb spielt, die bisherige Pyramide der politischen Festung bestreitend. Die Überzeugungen über Welt und Umgebung keimen wie Gerten um einen Ballonverflochten, und von der Geburt bringen sie ihr Probleme. Egal wessen Wissen und Können in Frage stehen, ahnt das Dramasie wie Pocken auf dem Gesicht, unfehlbar, als ob esdie Zeiger an der Uhr beobachten würde, spottet es über sie.
Ist der Teufel in Eros´ Olympia gefahren?
Das Drama hat keinen Wissenschafler von erkanntemRuf, der diese Vermutung bestätigen kann. Also, wenn 99 Teufel in ihre Seelegefahren wären, würde sie auch dann gleich sein. Freidenkend, wie sie Gott geschaffen hat, obwohl diese Rollen in der Welt öfter vom Teufel zugeteilt werden, der immer hungrig und nie ruhig ist – hat siedie herrschende Partei der Pythons mit… verglichen. Gott behüte! Sie nennt den Generalissimus der Partei der Pythons – ohne Finger vor dem Mund – Knalquappen, GottsKühchen. Also, eine typische Kaltgestellte.
Die Leiterin der Nationalbibliothekerwies ihr einen kleinen Dienst undfand ihr einen Job,ohne Verstellung und laut dem Spruch, dass man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul sieht. Heutige Präsidentin der Partei der Pythons im Drama, ihre Schulfreundin aus Gymnasiumszeit,schaltet und waltet.Gottes Wege sind unergründlich.
Trotzdes Gesagten versammelt sich das Volk des Dramas und aus seiner Umgebung um Eros´ Olympia, an die Macht ihres weiß-magischen Wissens glaubend. Zu ihr kommen Leute, die von Gottentfremdetsind, und Gläubige, die noch immer seine Wissenschaft beachten. Das Volksaberglaube und die Verzweiflung gehen ihr zur Hand. Ein Wettbewerb mit Gott und 2000 Jahre Glaube fällt ihr nicht ein. Fleißig beseitigt sie den mit dem Leben Abgeschlossenendie Probleme, die meistens zu Gott und Gebet nichtgelangen. Gott müsste, falls es ihn gibt, ihr freies Benehmen bestrafen. Er wird schon jemanden finden, der die heilige Sanktion erfolgreich durchführen wird! Soll er zulassen, dass sie von Tag zu Tag populärer wird. Da ist die Partei der Pythons mit unzähliger Mitgliedschaft, die für diese Gelegenheit geeignet ist, um mit Akklamation die versierte Präsidentin zu wählen, die das Gebot Gottes durchführen wird, indem sieOlympiaauf dem Friedhof anstellt. Die Popularität duldet die Repression Gottes und der Herrschaft. Überall. Mit scharfen Worten betet man nicht. Aber alles war umsonst. Das Feuer des Wissens und des Könnens können sie nicht löschen. Die heiligen Sanktionen sind schwerer als der Bootsanker, damit sie schmerzloser zur Zernichtung führen, vor allem wenn der Mensch älter oder alt ist oderkränkelt; aber Eros´ Olympia ist kaum dreißig Jahre alt. Sie ist in den besten Jahren, wie man so sagt. Sie hat genug Erfahrung hinter sich, um aus ihr die besten Schlußfolgerungen zu ziehen. Sie ist kein Mensch, der sich leicht trennt; die Errungenschaft der Kleider, die zu offen für das Drama und für Dramas Hinterland ist, akzeptiert sie von der Partei der Pythons: sie trägt einen Minirock – das bewegliche Schaufenster ihres Körperreizes wiegtund die Auswahl von jenem, den sie zwischen die Beine lassen wird, trifft sie geduldig selber.
Als sie eines Abends verhindert war, mit Hüften durch die Straßen des Dramas zuwackelnund da sie mit Diskobolus dem Unbesiegbaren im Friedhofsbüro geblieben war, gab sie sich ihm hin – ohne große Überredung, nach dem ersten Gläschen des Konjaks, keine Rücksicht auf den Donner und ständiges Prasseln auf das Dach und die Fenster nehmend. Sie setzte sich in die Nähe des Klaviers Konjak trinkend und hob ihre schöne Beine mit von einem Billardstock spitzigeren Zehen auf das Klavier, um sie zu entspannen, nicht mehr oder weniger sondern genau als der Unbesiegbare mit Geheimnissen der Ewigkeit beschäftigt, die Partituren Beethovens musizierte. Sie ließihren Vorgesetzten zwischen die Beine, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass seine Hände mehr als eine Kinderwaagezittern, wahrscheinlich wegen Beethoven, aber vor allem wegen der Wahrheit, dass er ein eingeschworener Single ist. In das olympische Tempelchen ließ sie ihnab und zu auch später, wenn sieeinen neuen Liebhaber hatte – den Agenten der politischen Polizei, Cervantes, einen situierten und familiären Mann – den Gatten ihrer Schulfreundin, der Präsidentin der Partei der Pythons, der gestrigen Sanktionsvollzieherin Gottes. Eine weise Frau findet wie eine Quelle den Weg die heiligen Sanktionen zu brechen, die Untaten, die aus ihnen hervorgehen, wahrnehmend.
Ein ganzes Buch wäre zu klein zu beschreiben, was man alles mit weißer Magie machen kann, und einige wären auch viel zu wenig für die Liebesereignisse mit Diskobolus dem Unbesiegbaren und mit Cervantes, die sich vor den Augen der Öffentlichkeitverborgen, in der stillen Dabeisein der toten Seelen abspielten. Das ist eine Aufgabe für Schriftsteller der Bücher, die eine Zukunft haben, für zeitgenössiche Schriftsteller, die neben dem Mitgliedsausweis der Schriftstellergesellschaftauch eine scheinbare Wahrsagegabe, eine Anpassungsfähigkeit wie ein Kameleon und einen Sinn für die Berechnung der in den Rücken wehenden Windrichtungbesitzen.
Ohne Zurückhaltung könnte man sie auch Wundermacherin nennen – der Spitzname entspricht dem Klima, der Umgebung und dem Geschmack des Dramas, aber auch die Tatsache, dass sie Wunder macht. Wenn jemand zu ihr kommt, weil er Hilfe braucht, und der von der Seite der Familie und der Freunde gestrichen ist, und solche gibt es immer mehr, geht er nach Anwendung ihres heilig-weißmagischen Könnens schmerzlos nach Hause. Der größte Wunder ist ihre Diplomatie, ihr Zugang, mit dem es ihr meistens gelingt, den kranken Menschen auf die inhaltlicheUnwichtigkeit des Alten und Neuen Testaments, der Verfassung, des Manifests und des Programms dieser Welt zu verweisen. DiesedienenmeistenszurKnechtung des Menschengeistes.
Im Büro des Direktors der toten Siedlung, während draußen ein Gewitter sich zusammenzubrauen schien und es sah so aus, dass eine Wasserflut begann, ließ sie den eingeschworenen Singlezwischen ihre Beine und er stürmtesie an, als ob auch er eine Frau wäre, er attackierte, denn die Kaulquappe konnte sich nicht aufrichten. Der Mangel an Männerkraft, weswegen die Natur sehr oft in entscheidenden Momentenüber den männlichen Teil der Menschheit spottet, heilt wieder der Wunder. Damit er eine Brücke zu der Frau machen konnte, nahm sie die entmutigte Kaulquappe in die Hand, vorsichtig wie ein Löffelchen für die Ohren,und bemühte sich mit geduldiger Kenntnis. Seine knochenloseManneskraftschwoll an und standwie eine Eins. Sie konnte so gespannt auf jeder Muschi Kommunion empfangen!
Ein ähnliches Geschehen übersprang auch den allmächtigen Cervantes nicht, der vorbereitet war, in der Friedhofskapelle während der Fastenzeit aufs Fasten zu verzichten. Während der Agent der politischen Polizei sie mit seinem ungehorsamen Würmchenattackierte, hatte sie Zeit mit einem Krug Wasser zu holen odernachzudenken: „Na also, vor ihm zittert das ganze Drama; er braucht keine Anklage um den, wen er will und wann er das will,festzunehmen; er hat Macht über das unmelancholische lebendige Geschöpf, und na, Auge in Auge, feuert erblinde Patronenins Ziel vor seiner Nase, und obwohl er so mächtig und bekannt ist, kann er das Loch auf einem Horn geschweige denn das Löchlein auf einer Flöte nicht treffen…“

Mit ungewöhnlich traurigen und großen Augen wie bei einer Kuhwidmet die Leiterin der Nationalbibliothek neben allen ihren Verpflichtungenbesondere Aufmerksamkeit dem Bereichern des Bibliotheksbestandes und der Organisation von Literaturabenden. Literarische Sitzungenfür Hinz und Kunzim großen Saal der Bibliothek zu organisieren, hat sie gelernt. Da ihr Mann, wegen der Natur von seinem Beruf oft abwesend ist, verbringt sie mit ihrem sommersprossigen Gesicht – einer Weingeist ähnlich – ihre Freizeit in Häusern von Ureinwohnern des Dramas, die langsam aber sicher aussterben, wobei sie räre und wertvolle Bücher auswählt, die die Bibliothek in ihrem Bestand nicht besitzt. Die Aufgaben bieten eine einzigartige Gelegenheit, die Kuriositäten des Dramas und bestimmte Persönlichkeiten kennen zu lernen, die sie, wäre sie ein Heimchen am Herd nach marxistischer Auffassung, nie kennen lernen würde.
Außer Zweifel scheint die Privatbibliothek des Maestro per Pietro eine erstklassige Kuriosität des Dramas zu sein. Der Besitzer dieses unschätzbaren Schatzes ist trotz dieser Tatsache Mitglied der Stadtbibliothek, ein Besucher, der nie bei literarischen Tribünen ausbleibt. Die unfruchtbare Frau hat ihn ohne Ansehen der Personschon vor langer Zeit bemerkt und sie erkannte in ihm mit einem feinen Geruchsinn den Poeten, der wie eine Maus in einer Mausfalle gefangenist. Außer Protokoll, ohne jemandem auf den Schwanz zu treten, erkundigte sie sich diskret nach ihm unter den Mitgliedern der Partei der Pytons und wurde nicht überrascht, wenn die gut unterrichteten Quellen ihr sagten, dass er ein gescheiterter Schriftsteller war. Jahrzehnte lang suchteer eine Chance für die Arbeit. Um zu überleben,beschäftigteer sich mit Handwerkeleien,die ihm im Blut lagen. Um über den Winter nicht hungrig zu bleiben, zerstörte er ruinierte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert und räumte das Gelände für Häuserauf, die erst einmal gebaut das nächste Millennium schmücken werden. Er baute ausschließlich Häuser aus weißem Kalkstein, der Verschwörte nähte Kleider und Kostüme auf der Nähmaschine seiner Mutter für das Ensemble des stadtlichen Amateurtheaters. Ihm gingalles leicht von der Hand. Er propfte Pflanzen und heilteGeschlechtskrankheiten. Seine Biografie, die als Wein abziehen sollte, war es nicht wert zu erwähnen, weil noch niemand ihr Ende erkannte. Das sollte bedeuten, dass er in tiefster Konspiration seinen Garten goß, während er wartete, dass Das Buch ohne Zukunftwuchs – das Buch, das niemand im Drama oder in der Welt veröffentlichenwurde.

„Maestro per Pietro“ stellt einen familiären Kosenamen dar, den die Familie und das Drama dem gescheiterten Schriftsteller gegeben haben. Wie man mit dem Finger auf die Frau zeigt, die ohne Habe in den Ehestand getreten ist, so zeichnet die Krämerwelt mit diesem Kosenamen den potenziellen Held, damit er nicht hervorragt. Der gescheiterte Schriftsteller ist nach Ruhm Sohn einer ehrwürdigen, ausgestorbenen bürgerlichen Familie, die nach dem Ersten Weltkrieg ins Drama gezogen ist, in dem sie dann ein für diese Zeit schönes Stadthaus gebaut hat. Er wurde eines heißen Sommers in der fünfzigen Jahren geboren. Wenn er die ersten Momente seines Lebens im Gedächtnis behalten hätte, würde er sich erinnern, dassin dem Moment, in der Nacht, in der er geboren wurde,fleckige Birnen Karamankavom Zweig gefallen waren. Aber der Mensch behält in Gedächtnis nicht die Ereignisse die er muss, sondern die Daten die er selber auswählt. Es ist leicht den Vater und den Vaters Vater in Gedächtnis zu behalten, die wie Hunde an der Leine in die bekannte Kasematte des Dramas geführt waren. Auch heute ist ihm nicht schwer, sich an das Telegramm zu erinnern, dasangekommen ist, als er noch Schüler in der Grundschule war, und die Buchstaben zu buchstabierenund den Popel in Ärmel zu wischen lernte. Sie sind gestorben, stand im Telegramm; sie sind auf Staatskosten auf dem Kasemattefriedhof begraben. Parzelle 1955.
Das Familienunglück konnte seine Mutter mit ihrem Kamillenblüten ähnlichen, faulen Gesicht nicht ertragen. Sie schnürte ein paar Tage nach dem Totenmahl einen Seil um ihren Hals im dunklen Keller ihres Stadthauses, wo Moospflanzen, die auf gerissenes Hirtenobergewand erinnernten,schön wuchsen. Es war niemand da,umum die Unglücklicheaufrichtig zu weinen. Die Verwandten begruben sie schneller als Diebe. Wenn alles vorbei war und auf dem Friedhof Echter Salbei und Gras gewachsen sind, sagte ihm sein Onkel: „Maestro per Pietro, pass auf dich auf! Der schwarze Tag ist gekommen. Du bist einsamer als Vater Zabaot geworden: ein weißer Rabe!“
Sobald Maestro das Geheimnis der Onanie wie auch das Geheimnis des Abcbewältigte, schrieb er Bitten in Schönschrift und schickte sie regelmäßig an die Verwaltung der Kasematte. Er verlangte von ihr, dass er die Knochen seiner Nächsten von der Parzelle 1955 nimmt und sie nach orthodoxen Sitten auf dem dörflichen Familienfriedhof begräbt. Er schrieb dem Verwalter der Kasematte, dem Bürgermeister, dem Generalsekretär der Partei der Pythons. Vergebens. Die Knochen blieben in Frieden Gottesruhen und faulten hinter den hohen Mauern des Gulags, und er, wie auf glühenden Kohlen sitzend, beendete sein Studium an der Universität und kam in das Drama zurück. Mit geerbten Rechten war er der Einzige im Stammbaum auf dieser überhaupt nicht freundlichen Welt. Er gab vom Bitteschreiben in Schönschrift nicht auf. Aber auf Antwort musste er wie auf St. Nimmerleinstagwarten. Er konnte es nicht vergessen, Maerstro per Pietro war ein hartnäckiger Mann.
Zwanzig Jahre wartet er auf eine Arbeitsstelle. Nein, er vergeudet keine Zeit; er lässt sich etwas einfallen, um zu überleben. Er ist talentiert und schreibt Bücher und Tagebücher ohne Ende, nicht daran denkend, dass das Geschriebene in der Lage ist, die Welt zu verbessern. Mit gewählten Worten drückt er sich vor dem gewöhnlichen Volk aus; alle bewundern ihn. Die Nachbarn, Hausfrauen, Bäcker, Maurer, Journalisten und Schreibende. Das Drama glaubt daran, dass er sich mit den Jahren zurückgezogen hat und wie ein Fisch im Kanaltunnel kränkelt.
Maestro hat keine Illusion, dass er reich wird! Vielmehr hat Gott eine Berufung für ihn gewält – das Schreiben von Büchern ohne Zukunft – um ihn für immer und ewig zu kennzeichnen? Schon zwanzig Jahre sind vorbei, er heiratet nicht und versucht es auch nicht. Nicht weil er einen sichtbaren Makel hat, im Gegenteil! Ihm haben sich busige Frauen hingegeben, deren Namen auch heute im Drama in Männerköpfen Fiber hervorrufen. Wenn ihn jemand zynisch gefragt hätte, ob er eine Familie gründen wollte, hätte er klipp und klar geantwortet: „Meine Familie sind die Manuskripte der Bücher ohne Zukunft“. Wer könnte etwas dagegen einwenden? Ohne die Zukunft aus den Knöpfen zu lesen, weiss er, dass jeder Mann fürs Sattlen geboren ist. Er wollte nicht sein ganzes Leben lang wie eine Tasche am Sattel gehangen an einer Frau hängen. Gott ist groß und unbegreifbar, wem gelang es, Ihm ins Gesicht zu spucken?

Zur Zeit die nicht für den Empfang von Besuchen und Gästenvorgesehen ist, standeine unbekannte Gestalt vor der Tür von Maestros Stadthaus im Dunkel. Sie war hartnäckig, klopfte diskret. Sie bestand darauf, reinzukommen, obwohl sie dem Weihnachtsmann oder den bösen Geistern nicht ähnelte. Der gescheiterte Schriftsteller bekämpfte seine Befangenheit; guckte durchs Fenster und hoffte, dass er einer seiner Ex-Geliebten, deren Hormone verrückt spielten, die Tür öffnen wurde.Den Schal vom Gesicht abnehmend, ihn kaum bergrüßend, schleichtedie Direktorin der Nationalbibliothek, die sogenannte Wohltäterin des lokalen Amateurtheaters, ins Dunkel des Familienhauses. Wegen der Dringlichkeit der Sache kam sie zu nachtschlafender Zeit, sagte sie, damit erMaße für das neue Kostüm maß und es nähte. Förmlich und unzugänglich bei Veranstaltungen, als Furcht und Schrecken in der Partei der Pythons und im Dramabekannt, zu schweigennicht gewöhnt, sagte die Frau: „Ich würde gerne den reichen Bestand deiner Familienbibliothek besichtigen“ und nicht darauf wartend, dass der Schriftstelle JA oder NEIN sagte, fang sie an,ohne Zurückhaltung, wie im eigenen Haus den Bücherbestand anzuschauen. Obwohl überrascht, genoß der gescheiterte Schriftstellerdie maskierte, in schwarz-rote Zigeunerkleider gekleidete Figur ihres Körpers, zu beobachten.
– Sie sind der berühmteste, gescheiterte Schriftsteller unserer Sprache – sagte sie ihm unverblümt. – Machen Sie mit dem Schreiben weiter!

Damit das Köstum perfekt am Körper saß, wie es sich einem tüchtigen Schneider ziemte, nahm Maestro das Maßband, das auf dem Arbeitstisch neben dem Federhalter stand und er fang still an, ihre Ärmel und Brustweite zu messen. Dabei fühlte er, dass sich ihr Körper trotzig widersetzte und bebte, sobald er ihn berührte. Die Furcht und Schrecken aufweckende Frau brannte vor Begierde, sie konnte nicht abwarten,dass er die Maße aufschrieb.
– Nimm mich, du, Feigling – sagte sie. – Nimm mich, du, unbarmherzige, freudischeZeitfestigkeit!Bohr mich wie ein Nagel das Tannenholzdurch. Das Nähen des Kostüms kann warten; das Bauen von Häusern genauso. Du bist wie eine Motte zwischen den unzähligen Büchern in Regalen,erschütternder als ich zwischen den Bücherregalen in unserer Nationalbibliothek!
Und – es geschah.
Wie eine Flut auf dem Boden, auf den ausgebreiteten Teppichen, wo die Bretter sie drückten, dann zwischen den Bettdecken, die auf Quitteblätter rochen, ritt sie und spornte sie den tüchtigen Schneider, schreiend, Gott behüte, als ob sie um Hilfe rufen würde, versuchend alles und auf einmal ohne Zögern zu nehmen, mit Bitterkeit einer Frau, die im Leben sich verspätete und Tage und Wochen auf unwichtige Sachen vergeudete. Bis zur Morgendämmerung sprang sie und – wie im Volke unverschämt und richtig gesagt wird – ging sie bis zum Äußersten, sich wie eine kleine Schlange um eine Stangeumgewickelndund zischend:
– Es ist höchste Zeit, dass du zu arbeiten beginnst. Geh zum Verwalter des Stadtfriedhofes. Dort wartet das Material für deine umfangreiche Chronik auf dich!
Die Direktorin der Nationalbibliothek wurde weich wie gekochte Kartoffeln, aber auch so ähnelte sie dem Engel mit Tränen aus dem Traum nicht. – Die Berliner Mauer wurde zerstört. Auf dieser Welt wird nie wieder alles wie frühersein. – sagte sie. – Es ist schade, dass du mit der Kraft eines Stiers wie ein Mönch lebst. Damit sie nicht zu spät zur Sitzung der Partei der Pythons kam, wo meistens leeres Stroh gedroschen wurde, verschleiert, wie sie auch kam, eilte sie aus Maestros Zimmer. Er blieb befördert unter dem Obhut der Nacht und der Geschehnissen liegen. Er ging nicht ins Bad um die Säfte der Präsidentin der Partei der Pythons und die klebrige Masseder Samenflüssigkeit abzuwaschen, sondern blieb nackt wie ihn Gott geschaffen hatund nahm aus einer der Schubladen des Arbeitstisches ein Heft mit Hardcover und fingan,zu schreiben. Ein neues Heft Des Buches ohne Zukunft. Eine Geschichte über die Tragödie des Dramas.

Früh am Morgen schritt Maestro im Marschschritt durch die Straßen des Dramas. Er war rasiert. Er hörte die Nachbarn auf Höfen, wie sie die Geschichte vom gestrigen Tagleidenschaftlich und oberflächig nacherzählten, wie es die meisten von den berühmten Schriftstellern und Schreibenden machen. Was verpasst ist, wird nachgeholt. Die kleine Stadt hat keine Geheimnisse. Die Wundern sind kurzfristig: wenn sie sich vor dem Frühstück abspielen, werden sie vor dem Abendessen enthüllt. Was in Erinnerung bleibt, wird von Morgen an von Mund zu Mund weitererzählt. Im gebügelten Anzug, bis zum Hals zugeknöpft, feierlich gekleidet wie ein Pfarrer, der zur Trauerfeier geht, eilteer die Straße entlang,lebhaft vom Rhythmus des nächtlichen Pendelns der kräftigen Beine der einflußreichen Bibliothekarin um seine Hüften; er ging, 38jährig, am geöffneten Friedhofstor mit scharfen Eisenspeeren auf der Spitze vorbei.
Vor ihm waren ein unübersichtlicher Wald von Gräbern und Kapellen, deren Wände vom Wind korrodierten, große rote Zähne der Ziegel und ein Hund mit Augen, die heller als Bier waren. Durch das geöffnete fünfeckige Fenster, dasvon dichter Kletterpflanzen-Rebe umgerahmt war, riefihneine Stimme aus der Tiefe des Gebäudes.
– Komm her, du, Nichtsnutz!
– Ich bin´s. Maestro per Pietro.Der Frühaufsteher.
– Du könntest auch Gott sein – aber etwas sollst du wissen: ein Frühaufsteher bist du nicht. Frühaufsteher sind der Tod und die Hähne. Und wie ich sehe, bist du lebendig und gesund und führst kein Huhn mit dir.
Wie aus einem Boot ohne Ruder tratein Mann mit Reif grauer Haareaus der Tiefe des Gebäudesauf die Treppe und hobseinen vom Axt schwereren Armwie eineBahnrampeaufrechtin die Luft.
– Verwalter der toten Seelen, persönlich! – sagte er.
– Maestro per Pietro – damit ihn auch die Toten hören können,wiederholteder gescheiterte Schriftsteller.
– Hierher kommen die Gäste mit Beinen nach vorne. Auch Jüngere habe ich in die andere Welt begleitet. Es ist nie zu spät, dass Sie sich umbringen – setzte der Verwalter fort. – Knips! Im Drama wären dann alle zufrieden und Gott auch.
– Was sind die Verpflichtungen des Friedhofswächters ?
– Dass er nicht nach Lohn fragt und pünktlich ist. Dass er die Nacht hier mit toten Seelen verbringt und mit Morgendämmerung Hals über Kopf weit von hier wegläuft. Lenk die Aufmerksamkeit auf dich nicht!Eine schlimmere Strafe brauchst du nicht. Wenn sich die Stadt daran gewöhnt, mach wie du es willst. Mach Rundgänge um den Friedhof –lauf in die Kapellevor dem Regen und schlaf.

Im Büro des Gebäudes der toten Siedlung, das mit trockenen Akazienelementen bekleidet ist, öffnete der Unbesiegbare den Schrank mit Griffen aus Stoßzahn eines Keilers, nahm ein Liter Schnaps und Gläser in Fingerhutgröße und goß ein. Er reichte das Gläschen dem Maestro und sagte:
– Hier wird auf exausgetrunken. Vor allem das erste!
Bis esnur Pflanzenkrümelam Boden der Literflasche blieben, wiederholte er diesen Satz.
– Die Partei schluckt uns wie ein Python die Ratten. Sie wird uns aufessen! Daraus wird was.Der Friedhof wird zunehmen.
Der starke Schnaps hat die verstopften Ventile in seiner Seele geöffnet und die Tränen eilten durch seine Wange, kräftiger als der Dampf aus der Teekanne.
– Olympia! Olympia! – donnerte der Verwalter. Seine Brust hobsich wie ein Schmiedbalg.
Eine junge Frautratmit Händen gestikulierend, als ob sie sich von Weinfliegen wehren würde, ins nach Alkohol riechenden Büro ein.
– Lerne den Friedhofswächter kennen – sagte ihr der Unbesiegbare, seinen Schnurbart streichelnd.
– Maestro per Pietro! – stellte er sich vor.
– Olympia! Kerzenverkäuferin und Gärtnerin – antwortete sie.
Das kaltgestellte Personal ist gesammelt. Gott ist barmherzig, falls es ihn überhaupt gibt. Dem Maestro hat er zu einer selbständigen Existenz verholfen. Zwanzig Jahre Warten hat sich gelohnt.

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*Puschkin, Alexander: Mozart und Salieri. (Nachdichtung: Eric Boerner)

_________________________________________________________________________ …..Dieser Roman ist zuerst 2001 unter dem Titel Maestro per Pietro veröffentlicht worden und wurdedamals mit dem „Drvo života“ („Lebensbaum“) Literaturpreis ausgezeichnet. Die zweite und endgültige Ausgabe dieses Romans wurde 2011 in der Reihe„Biblioteka Bezdana umetnost“ („Bibliothek Bodenlose Kunst“) unter dem Titel Große Abschiedszeremonie gedruckt, aus der wir Ihnen Auszüge in der Übersetzung von Marija Vaš schicken.
Damit Sie eine Vorstellung von diesem Autor sowie von der Rezeption dieses Romansbekommen, schicken wir Ihnen ein paar Texte serbischer Literaturkritiker und eine kurze bio-bibliographische Anmerkung über Aleksandar Lukić als Beilage.
Hochachtungsvoll
Miroslav Lukić, Herausgeber und Begründer von „Zavetina“
Serdar Janka Vukotića 1/13
11165 Beograd Rakovica
Republik Serbien

E-Mail-Adresse: miroslav7275@gmail.com

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Über den Schriftsteller Aleksandar Lukić

Aleksandar Lukić wurde 1957 in Mišljenovac in der Nähe von Požarevac (Serbien) geboren.
Er veröffentlichte folgende Bücher: U vagonu Rozanova (KOS Verlag, Beograd, 1986, mit dem„Brankova nagrada“ Preis ausgezeichnet), Osnivač podzemne prestonice (Zavetine Verlag, Beograd, 1991), Strašni sud, 1 (Unireks undKZ„Vladimir Mijušković“, Nikšić, 1991, mit dem „Zaloga“ Preis ausgezeichnet), Evropa (Vreme knjigeVerlag, Beograd, 1995), Vampirovići(in: Almanah za živu tradiciju, književnost i alhemiju, Beograd, 1/1998), Brod ludaka (Narodna knjigaVerlag, Beograd, 2001, 2002mit dem„Srba Mitić“Preis ausgezeichnet),Legende o ramondama i ružičastom pesku mesečevog smaknuća (ProsvetaVerlag, Beograd, 1991), U dolini zidova ( Edicija BraničevoVerlag, Požarevac, 2003), Jaspis (Narodna knjigaVerlag, Beograd, 2007), Ne spominji đavola (KOVVerlag, Vršac, 2009), Savremeni uškopljenici (IntelektaVerlag, Valjevo, 2010), Kukavičluk (Braničevsko-stiška književna zajednica, Udruženje književnika Srbije und Biblioteka „Srboljub Mitić“, Malo Crniće, 2012), das Drama bzw. die Farce Vesela mumija (OvdjeVerlag, Podgorica, 1998). Zusammen mit B. Mladenovićübersetzte er ins SerbischeVlaške basme(eine Sammlung walacher Märchen, die im Nordosten Serbiens aufgeschrieben sind, in:Almanah za živu tradiciju, književnost i alhemiju, Beograd, 1/1998, S. 58-70).Er veröffentlichte auch den Roman Maestro per Pietro (ZavetineVerlag, Beograd, 2001, mit dem „Lebensbaum“ Preis ausgezeichnet) und das BuchIzmeđu mitarenja čudovista i umetnosti budućnosti(Edicija BraničevoVerlag, Požarevac, 2010). Er ist Begründer und Herausgeber des Almanah za živu tradiciju, književnost i alhemiju. Aleksandar Lukić ist der erste Träger des größten Preises „Amblem tajnog pisma sveta“ der Edition Zavetine, den er für sein Buch Jaspis (2008) erhalten hat. In der Reihe 1 der „Biblioteka Dobitnici književne nagrade Amblem tajnog pisma sveta“ wurde das Buch unter dem TitelSabrani radovi: Aleksandar Lukić (CD, Zavetine, 2008) veröffentlicht.
Er lebt und arbeitet in Požarevac. Er ist Herausgeber der „Edicija Braničevo“ und der Zeitschrift Braničevo.

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Empfehlung des Herausgebers des Belgrader „Zavetina“Verlags

Bis zu diesem Zeitpunkt wurden Lukićs Werke ins Rumänische, Englische und Französische übersetzt. Eine Auswahl seiner Poesie erschien in rumänischer Sprache (Ferma de vipere – Farma zmija). In englischer Sprache wurden das Buch U dolini zidova – In the Valley of Walls (komplett) und das Drama Krive kikeunter dem Titel A Story from Exile veröffentlicht.
Was sagen heute über Lukić diejenigen, dank denen er damals in zahlreiche Anthologien serbischer Poesie vertreten war? „Seit seinem ersten Gedichtband U vagonu Rozanova (1986) wurde Aleksandar LukićSynonym für einen Dichter, der kompromislos nach Wahrheit sucht und sie mitteilt. Die Gedichte Lukićs, die entweder aus Unzufriedenheit oder aus Revolt entstanden sind und die oft ungewöhnlich narativ-extensiv und figural und symbolisch komplex sind, stellendie Glaubwürdigkeit ihrer Argumente in Frage. Für Lukić war es nie wichtig, dass das ganze Gedicht schön ist, sondern dass es als Ganzes der künstlerischen und der Menschenwahrheit dient. Aus der Reihe der Bücher, die er geschrieben hat, würde ich die Poeme Evropa (1995) und Brod ludaka (2001) herausgreifen. Lukić folgte dem Weg des Unversöhntseins mit dem vorgefundenen Zustand und den neu geschaffenen Wertsystemenin Serbien, in Europa, in der Welt. In der Poesie und in der Geschichte. Auch das neueste, ziemlich gelungene Buch Jaspis (Narodna knjigaVerlag, 2007) biegtvom diesen Weg nicht ab, sondern reichert ihnmit reifer, elegischer Erfahrung in einigen von den besten Gedichten am Ende der Sammlung. Jaspis ist kein Buch, das mit einer Teilung nach Zyklen rechnet, sondernes zeigt mit vorsichtigem Komponieren langer und ambitiöser Gedichte eine reifeLebens-und Dichtererfahrung, indem eseine gelungene Verbindung zwischen dem Satirischen und dem Grotesken bzw. dem Elegischenaufbaut. Auch Jaspis ist ein extroverter Gedichtband, die Energie des Dichters weicht hier keinen Schritt.Das letzte Gedicht Za Josifa hat mehr als 260 Versen und einen kompliziertenSinngehalt, der mit dem biblischen Joseph, Joseph V. S. und Joseph Brodsky verknüpft ist. (…) Auch dann wenn er über Brodsky dichtet oder mit ihm polemisiert, erinnert unsLukićs Müheeher an Enszenberger. (…) Am Anfang seiner Karriere hat er darüber gedichtet, dass der serbischen Poesie Gift nötig ist, und er plante eine Farm mit Hornvipern zu züchten;heute konstatiert er im Gedicht Žabac Talac(Der Geisel-Frosch) nicht ohne Bitterkeit, dass sich Frösche in unserer Poesie eingelebt haben. Eine so persönliche und provokative und ein Viertel Jahrhundert lang gehegteStellungnahme konnte nicht ohne entsprechenden Widerhall in serbischer Kritik bleiben, so dass Aleksandar Lukić nach dem Preis „Brankova nagrada“ für sein erstes Buch keine relevantere Anerkennung bekommen hat, obwohl er jedenfalls einer der hervorragendsten und wichtigsten zeitgenössischen serbischen Dichter ist. Seinen öffentlichen und geheimen Verleumdern lässt er sagen: Einsam zu sein, isteine leichte Aufgabefür den Menschen… (Bestseler, Nr. 39 vom 31. August 2007, S. 3, V. Pavković).
Wenn es sich um Dramen und Romane handelt, an denen sich Lukićgenauso erfolgreich versucht hat,ist dieser Teil seines Schaffens wegen des Zusammentreffens besonderer Umständenicht genug bekannt und nicht genug valorisiert. Als ob es eine gemeinsame Verschwörung der Kritik, der Medien und der Verlage gäbe. Als ich, als Herausgeber der Bibliothek „Najbolji drug“ („Der beste Freund“) vor ein paar Jahrendiesen Roman als das erste Buch für die dritte Reihe gewählt habe, wurde mir bald eine Art Entlassung mitgeteilt. Sie täuschen sich, falls Sie denken, dass ich das bedauere.
Auch ein Blinde sieht, dass die Oktoberrevolution in Serbien den totalitären Geist des kommunistischen Dinosauriersnicht getötet hat. Der Abbau des politischen Systems, in dem kominterner Geist und Kultus des Führers domminierten, ist ausgeblieben. Auch nach der Revolution werden die Treuen und die Gehorsamen geschätzt, so der Erzähler Miroljub Milanović: „Sie haben sich stur aneinander gehalten und bei Wahlen ihre Funktionen gewechselt.“ Da war nichts mehr zu machen. Das Mausern des Monsters geschah. Es scheint, dass wir mit ihm nicht konnten, aber auch ohne ihn nicht. Zu wessen Schaden? – Nach der Oktoberrevolution blieb Serbien ein Uniformmantel der politischen Partei. Deshalb dauerte es so kurz. Es ist klar, dass es anders nicht sein konnte, weil die Kommunisten plötzlich zu Demokraten wurden. Mir scheint es, dass die Angehörigen von Randgruppen, also die neuen Kommissare, die die Flut der Revolution getrieben hat,den ehemaligen Kommissarennachfolgten.“
Der Kritikter M. Milanović schreibt: „Aleksandar Lukić bildete seine apokalyptische Vision des Weltuntergangs im Roman Maestro per Pietroim Verhältnis zu der moralischen Verkommenheit der Portagonisten des imaginären Landes Drama, demdie Höhe der Strafe des beschriebenen Ereignisses entspricht. Während der barmherzige Engel im Himmel herrscht und mitleidlos straft, erschöpfen sich die Protagonisten des Romans in ihrem moralischen Fehltritt, von der Flamme der Reinigung ergriffen. Im Hintergrund des großen Ereignisses spielt sich das persönliche Drama von Maestro per Pietro ab: während er alte Rechnungen begleicht und nach dem Sinn seiner Existenz sucht, wird seine Person zum Symbol, das einzigartig in der serbischen Literatur ist.“
Der Literaturkritiker Miodrag Mrkićschrieb über Lukićs Romansehr anerkennenswert: „Selten finden wir Romane, die man als Manifest, als poetischen Roman, Roman über Roman bezeichnen kann. Also, der programmatische Roman Maestro per Pietro ist ein solcher Roman. Er ist ein Roman über die Psychologie des Schaffens, über den Prozeß der Werkentstehung. Er ist eine Besinnung über die Kreation. Er ist keine schematische Verkündigung, keine Proklamation,keine öffentlich ausgesprochene Poetik. Aber all das ist vernetzt und von metaphysischer Dauer… Also, ein Manifestant – Entdecker, zu guter Letzt ein eher impliziter Publizist. (…)
Lukić belebt immerdie Bilder der kleinen Stadt. Die Erudition wird von ihm erhoben. Er verwundet mit Schönheit. Er weicht vom Üblichen ab. Also, immer ist es die Redevon Aleksandar Lukić, auch wenn es sich um die Deutsche Schäferhündin Lajka handelt. Auch dann, wenn er über Balkan nachdenkt, und wenn er Gott einbezieht, auch im Falle von Maestro (er ist 38jährig), der alles ins Reine bringt, ist er immer persönlich, neu, wahr:
„Wer kann heutzutage sagen, dass er Freunde hat, ohne dabeieinenJammergeschrei auszustoßen?! Wer darf sagen, dass er die wahre Wahrheit kennt… Weder zu sterben, nochzu leben. So fühle ich mich seit längerer Zeit… Balkan hat natürlich eine Seele, aber die ist von innen bunter als ein Schmetterling… Die Toten sind, also, die ehrlichsten Freunde; was war, das war, sie haben uns die ewigen Lektionen gelehrt.
Maestro überlegt, unbelastet von Nationalismus… usw.
(…) Lukićs Buch ist einzigartig, weil es mit tiefem Kennen und Gefühlüber die Aktualität unserer Zeit redet. Er sieht das Wesentliche: klassenmäßig, nicht national. Er redet über Kleinbürger, über Snobs, über Erfolg und Sturz wie dasder balzakische Sekretär der Gesellschaft tut. Aleksandar Lukić und sein Bruder haben die Realität in ihren Büchern viel überzeugender als andere in ihren Schmökern beschrieben.
Dieses Kapitel ist wahrscheinlich der Gipfel eines generellen Blicks auf unsere Realität aus der unmittelbarer Vergangenheit, aber sie ist nach Inhalt und Sinn genausoallgemeinmenschlich. (…)
Miodrag Mrkić: Blutige Lieblichkeiten „des barmherzigen Engels“
(Versuch über den Roman „Maestro per Pietro“ von Aleksandar Lukić)

Falls Sie sich entscheiden würden, die Übersetzung dieses Romans von Aleksandar Lukić zu veröffentlichen, würde ich vorschlagen, den Text bzw. die Rezension von Herrn Miroljub Milanović als Nachwort zu drücken:

Miroljub Milanović: Roman über die Absurdität der absolutistischen Regierung

Der Roman Maestro per Pietrovon Aleksandar Lukićwurde 1999 nach der Bombardierung Serbiens mit klarer Assoziation zu diesem Ereignisgeschrieben. Er blieb von der Literaturkritikunbeachtet. Nur eine geringe Anzahl der neugierigen Leser kennt ihn, obwohl es sich um das Werk eines bekannten Dichters handelt, dessen früher veröffentlichte Gedichtbände mit mehreren Preisen ausgezeichnet waren. Warum es soist, dazu gibt es mehrere Gründe. Der erste ist die Inertie und die Unfähigkeit der Kritik, sich mit der Wahrheit über das grausame historische Geschehens zu konfrontieren, und der zweite ist, dass sich viele Akteure in den Gestalten erkennen könnten. Hier handelt es sich um ein Werk, das unbarmherzig in die schmerzhafte Wundeschneidet – mit dem Glaube, dass nur die Wahrheit heilen kann. In jedem Fall wurde keine Beurteilung des Romans geschrieben und er hat sich das Ansehen, das ihm nach künstlerischer Qualitätgehört, nicht verschaffen.
Vor dem Schriftsteller war eine schwere Aufgabe. Einerseits sollte eine grobe Engagiertheit vermieden werden, anderseits durfte nicht zulassen werden, dass der Roman zum Pamphlet wird. Unter solchen Umständen war das Talent entscheidend. Es gelang Lukić, beide Herausforderungen zu bewältigen. Er folgte der Wahrheit und machte keine Zugeständnisse. Daraus erfolgte die ästhetische Qualität des Werkes.
Die Welt im Roman Maestro per Pietro ist mit Monstern und Spuckgestalten besiedelt, die nicht die Einbildungskraft des Schriftstellers, sondern die böse Realität des zwanzigsten Jahrhundertsausgedacht hat. Der Leser ist beim letzten Akt, beim Weltuntergang im imaginären Land Drama, der jahrzehntelang vorbereitet wurde, und dessen Gründe unbegrenzter Genuß des Regierens und irrsinnige Leidenschaft waren, dabei. Die Welt, die normale Welt, sollte das dulden. Sie lebt am Rande der Realität, unbemerkt. Am Ende des Romans ist ihr die Erneuerung des Lebens anvertraut.
Maestro per Pietro ist eine mehrschichtige prosaische Einheit, in der die Sujetteile der Realisation des Leitgedankens dienen, aber sie verweisen auch auf die Kompliziertheit des Lebens und auf die Unmöglichkeitder Zurückführung auf eine Dimension. In dem Sinne scheinen die soziale Ebene, die Absurdität und das Erzählverfahren dominant zu sein. Die soziale Ebene besteht aus zwei Welten: die Welt der Herrscher und die Welt der Ausgestoßenen und der Leute, die man meidet. Zwischen ihnen herrscht eine permanente Feindschaft. „Der barmherzige Engel“, der vom Himmel das Feuer eröffnet, hat die Rolle des Versöhners, eines falschen Versöhners, deshalb ist er weder barmherzig noch Engel. Er straft die Herrscher für Untaten, die sie der Welt der Ausgestoßenen angetan haben, aber unter seinem Zorn leiden auch die Unschuldigen. In diesem Roman wird niemand verschont: die Regierung, weil sie Böses tut, die Ausgestoßenen, weil sie das dulden, und der barmherzige Engel, weil er die Schuldigen von den Unschuldigen nicht unterscheidet. Auf diese Weise ist das Bild des Grauens komplett. Dem Erzähler im Roman bleibt es übrig, nach seinen Wurzeln zu suchen.Falls er sie findet, wird Platz für Erlösung geschaffen.
Die Welt der Herrscher funktioniert nach dem Macht-Prinzip, dem primitivsten Prinzip, das in der menschlichen Geschichte oft vorkommt. Wenn es eine Regierung schon geben muss, dann muss ihr Ziel Edelmut und Wohl der Bürger sein. So was finden wir in diesem Roman nicht. Die Regierung, die also ihren Sinn verloren hat, wird zur Strafe für Untertanen. Der Generalissimus und die Bibliotheksleiterin, die Direktorin der Partei der Pythons, überlassen sich dem Geschenkten: er der unbegrenzten Macht, die Caligulas Wahnsinn ähnelt,und sie der unersättlichen Gier und dem Verlust des Wirklichkeitsgefühls. Es ist nicht vom Ehebruch und gewöhnlichem Betrugdie Rede; die Ursachen ihres Benehmens liegen in den Tiefen ihres Seins, imUnbewußtsein. Das Ergebnis des Regierens von so einem Ehepaar ist klar: Chaos im unglücklichen Land Drama, in dem sich die Handlung dieses Romans abspielt. Ein tragisches Ende ist unvermeidbar.
Die Ausgestoßenen, die von heut auf morgen leben, versuchen diese Regierung zu verstehen. Der Verwalter des Friedhofes Diskobolus der Unbesiegbare sagt: „Heute regieren im Drama die Partei und der Führer. An das Wort der Partei zweifelt man nicht. An das Wort des Führers auf keinen Fall.Wie der Wind einen Brand entfacht, so gelangt es in jede Seele… Das Drama hat ihr Krankenhaus, ihre Universität, ihre festlichen Paraden, ihre Bibliothek, das Parteikomitee, den Gulag.“ (2) Um das Funktionieren von einer so geordneten, absoluten Macht „kümmern sich die unsichtbaren Einheiten der politischen Polizei, die der zuverlässige Servantes kommandiert“. (3) Wegen freidenkerischerWorte wurde Lukićs Held entsprechend bestraft: statt ein Orchester zu dirigieren, wurde er zum Direktor des Friedhofes. Seine große Liebe Olympia, die Biologielehrerin, wurde auch bestraft. Die Tiere wurden von der Strafe auch nicht verschont. Niemand ist weder sicher noch frei.
Maestro per Pietro, der Hauptheld dieses Romans, dessen Name eigentlich ein familiärer Kosename ist, büßt die Strafe, die von Generalissimus ausgesprochen wurde und die eigentlich sein Großvater „verdient“ hat. Der Nachkomme einer bürgerlichen Familie, deren Ahne sein Leben im Zuchthaus endete und dort begraben wurde, sucht nach den Wurzeln des Unheils, das über ihn kam und schreibt auf dem Friedhof Das Buch ohne Zukunft. So gekennzeichnet, ohne Möglichkeit eine Arbeitsstelle zu finden und sich zu realisieren, bleibtes ihm nurübrig, ins Schreiben und in den Traum zu versinken.
Das Schicksal wählt eher einen Menschen als einen Stamm; egal wie sehr er sich in die Rohstoffe und die reiche Lebensstruktur einmischt, egal was er zu ändern versucht, wird das Schicksal einen Weg finden, sich zu befreien und sich durchzuschlagen… Maestro begreift, dass das Schicksal ihn gewählt hat, damit es ihm die Welt ohne Verschönerung und Make-up zeigt, damit es ihm die Zeit, die Geschichte und die ungeschriebene Geschichte, den Weg zur Rettung zeigt, so der Erzähler. Maestro hat die Rettung in Verehrung der traditionellen Werte und in der Sprache, mit deren Wörtern er die Seiten Des Buches ohne Zukunft ausfüllt, gefunden. Hartnäckig und verbissen zieht er den Sarg mit den Knochen des freidenkenden Ahnen, den ihm der allmächtige Servates, der Polizeichef, „geschenkt“ hat, als er eingesehen hat, dass die vom barmherzigen Engel vom Himmel unter Feuer genommene unmenschliche Regierung im Drama zugrunde geht. Er baut eine Dichterfestung. Er stellt sich dem Unsinn gegenüber. Dabei helfen ihm andere Ausgestoßene. Es gibt eine, wenn auch winzige, Hoffnung.
Die absurde Regierung, das absurde Leiden des Hauptheldes und das absurde Verhalten des gemeinen Volkes, das die Folge des kollektiven Unglücks (die Szene, in der das Volk aus dem Bus aussteigt und den geflohenen Hahn einer Bäuerin jagt, während im Himmel der barmherzige Engel kreist und Bomben wirft) nicht begreift, werden den Erzähler darauf verweisen, dass er in altertümlichen Büchern nach Gründen des vernunftslosen Verhaltens der Welt, die von ihm beschrieben ist, sucht. Für Aleksandar Lukić ist die existenzielle Frage die wesentliche. Reine Existenz ist nicht ausreichend, der Mensch hat Bewußtsein und fühlt. Unvernünftiges Sein, obwohl es ein Gegensatz zu Nicht ist, bietet keine Qualität und noch weniger kann es mit Ethik rechnen. Die Schönheit des Lebens ist noch entfernter. Lukićs Mensch ist ein Mensch der Wüste. Eine Paralele mit dem Text von Essad Bey gibt dem Roman einen tieferen, anthropologischen Sinn: „ Mein Sohn, geh nicht in die Wüste“ haben die erfahrenen Ägypter geraten, „in der Wüste hat noch niemand sein Glück gefunden. Wenn du in die Wüste gehst, wirst du zu einem Baum ohne Rinde, den der Wurm zernagt.“ Und weiter: „Die wüstenhafte Täler, in denen die Beduinen leben, werden mit Wasser gefüllt und verwandeln sich unerwartet in Flüsse… Dann hört der Regen auf und die Wüste wird zu einer Pfütze…Und die Sonne brennt wieder von oben und saugt das vom Himmel geschenkte Wasser auf. Die Wüste wird wie sie vorher war, sie ist öde, trocken, kahl und leblos“. Der Mensch, der hier lebt, der Beduine lebte sichlaut Essad Bey in die Landschaft ein, aber kurzfristige Änderungen bringen keine Qualität: in seinem Leben ändert sich Nichts zum Besseren, die Dauer bleibt als Strafe. Einen ähnlichen Gedanken hatte auch Aleksandar Lukić in seiner Poeme Legenda o ramondama i ružičastvom pesku mesečevog smaknuća, was darauf hindeutet, dass dieser Gedanke seine Obsession ist. In Maestro per Pietro ist er mit der Tatsache, dass Maestro nicht allein ist und dass sich in seinem Traum beim Bau der Dichterfestung auch andere Ausgestoßene zugesellen, überwiegt. Am Ende kommt Maestro in seine Heimat zurück, um die Knochen seines Ahnen zu begraben, und das bedeutet, dass die ethische Forderung die animale überwiegt. Diese Tat ist im Gegensatz zu der absolutistischen Macht des Generalissimus und seiner Partei und zeigt auf den Sieg des Sinnes über dem Unsinn. Der Friedhof des Dramas, in dem Maestro gelebt hat, ist eine Pendant zur Wüste von Essad Bey, und wird mit einer Baustellezu einem Raum mit Bewegung und Leben.
Die von außen aufgezwungene Absurdität, imsinnlosen Regieren des Generalissimus und seiner Frauverkörpert, bestimmt die Schicksale der Ausgestoßenen und nur den starken, wie z. B. Maestro, gelingt es, ihrer vernichtenden Wirkung zu entfliehen. Der Field von Maestros Wirken ist geengt, aber in so einem engen Raum gelingt es ihm, seine Menschlichkeit für bessere Zeiten zubewahren. Der Glaube, dass die Wahrheit am Ende siegt, hütet ihn vom Bösen, das er seinen Feinden zufügenkönnte. Maestro per Pietro wird durch seine Beharrlichkeit, durch Achtung der ethischen Prinzipien und durch Konfrontation mit der Regierung auf eigene Weise eine große Gestalt, die einzigartig in der serbischen Literatur ist. Sie ist wegen seiner Wille und seines Bewußtseins über die Schönheit des Lebens einzigartig. Darum das Wort, die Poeme und die Dichterfestung. Es gibt einen Ausweg.
Die Auswahl der Welt des Romans Maestro per Pietro diktierte die schöpferischen Möglichkeiten, und die dienen vor allem dem Haupthelden und der Stellungnahme des Werkes. Da es sich um eine hochmimetische Figur handelt, könnte der Erzähler in den Text unterschiedliche Stufen desSchreibens einbeziehen, wodurchdas Bild der absurden Regierung und des Grauens, das das bedeckt, komplett ist. Aleksandar Lukićist ein Schriftsteller, der beweist, dass postmoderne Mittel, wenn sie richtig verwendet werden, sehr wirkungvoll sein können und derGanzheitund der überzeugender Kraft der Aussage beibringen können. Seine Beschreibungen sind realistisch, aber die unterscheiden sich vom Realismus des 20. Jahrhunderts, in dem dasklein-realistische Detail überwiegt! „Der Krieg begann plötzlich, obwohl zahlreiche Zeitungen in der Welt den genauen Tag und die genaue Stunde, wann die Pulverkammer auf dem Balkan explodieren wird, ankündigten. Es geschah einfach und die Rohstoffe des Lebens wurden sichtbarer. Militärpatroillen gehen auf und ab durch die Straßen des Dramas, sie verhaften Deserteure, brechen in Brauereien, Weinkeller und Büros ein…“ Die Beschreibung hat die Funktion, das Bild des generellen Niedergangs zu zeigen. Sie ist ohne Pathetik und ohne Metaphern, an denen die zeitgenössische serbische Prosa leidet. Nach solchen Beschreibungen kommen oft die persönlichen Reminiszenzen des Haupthelden, was die Welt des Romans auf einen individuellen Plan überträgt und einen Raum für poetisches Spiel und tieferen Einblick ins existenzielle Drama eröffnet. „Ich bin achtunddreißig Jahre alt. Es ist zu spät, dass ich das Leben eines Jungen anfange, es ist zu früh, dass ich mich ins Jenseits beeile. Der Zufall Komödiant bestimmt das Leben, nicht Gott. Vielleicht Gott? Er ist ohne Freunde geboren, er wird aller Wahrscheinlichkeit nach ohne sie vor dem Jüngsten Gericht stehen. Das Zitat, ein sehr beliebtes Mittel der Postmodernisten, ist Lukić auch nicht fremd. Es ist meistens in der Funktion der philosophischen Erkenntnis der menschlichen Geschichte und des Versuchs, dass das grausame Geschehen verstanden und auf diese Weise bewältigt wird. Eine Rabelaisische Ungezügeltheit und Ironie geben dem Roman eine zusätzlicheQualität.
Wegen aller dieser Eigenschaften steht der Roman Maestro per Pietro von Aleksandar Lukićeinsam inder romanesken Produktion am Ende des 20. Jahrhunderts und gelangt dank seiner Originalität in die europäische Prosa, ohne den heimatlichen Boden und die Literatur, zu der er gehört, zu verraten. Er ist, vor allem, ein Roman über die Zeit, die der Autor gelebt hat, über die Realität, die er gefühlt hat und über die erwahrheitsgemäß zeugt. Ohne Bedingungen und Zugeständnissen, wie es zu jener Zeit Thomas Mann, während er Doktor Faustus geschrieben hat, gemacht hat. Er weiß, dass die Wahrheit bitter ist und er bietet sie dem tapferen Leser an. Das ist ein Roman, der erst gelesen werden wird.
Februar 2009
(Auszug aus Milanovićs Buch mit Essays Pisci otpora, Požarevac, 2012)

ЛеЗ 0003646

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